Jan 20 2018

Hinterladerbüchse – Teil 1 – virtuelle Rekonstruktion

Bastian Asmus

In dieser Artikelserie werde ich versuchen herauszufinden, wie man eine ganz bestimmte Hinterladerbüchse im speziellen und frühe Buntmetallfeuerwaffen im Allgemeinen herstellt, bzw. wie man sie mit der damaligen Technologie herstellen hätte können. Ich bin nicht all zu sehr am Schießen interessiert, aber umso mehr fasziniert vom frühen Büchsenguss des 14. und 15., und auch noch ein wenig vom Büchsenguss des 16. Jahrhundert.
Warum? Als ausgebildeter Bronzegießer weiß ich, dass es viele Herausforderungen und noch mehr Raum für Misserfolge gibt.  Gerade weil sich in der Technologie, speziell der Schmelzöfen, so enorm viel entwickelt hat ist dies eine besonders spannender Abschnitt der Technikgeschichte. Als professioneller Hersteller von Dingen gehören Misserfolge zu den am wenigsten beliebten Themen, über die man reden möchte. Doch auch als Wissenschaftler hilft es, diese Notlage zu überwinden: Ohne Scheitern kann es keinen Fortschritt geben. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten uns nicht mit unseren Hypothesen begnügen, sondern ständig versuchen, diese zu widerlegen!

Early breech loaded handgonne.

Dieses Bild einer angeblich aus dem 15. Jahrhundert stammenden Büchse zeigt ein sehr frühes Ladesystem, das sich über Jahrhunderte hinweg nicht durchgesetzt hat. Technische Einschränkungen im Herstellungsprozess könnten dafür verantwortlich sein. Es konnte einfach nicht so problemlos hergestellt werden wie die weit verbreiteten Vorderlader. Quelle: Viking Swords Forum Thread 7364.

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Nov 23 2017

Büchsen: Arbeitssicherheit ist ein Thema

Bastian Asmus

Detail aus dem Bellifortis Manuskript von Conradius Kyeser (um 1430) aus dem die Bestimmungen zur Arbeitssicherheit stammen.

Detail aus dem Bellifortis Manuskript von Conradius Kyeser (um 1430).  Quelle: Bayersiche Staatsbibliothek. Lizenz:  CC BY-NC-SA 4.0

Büchsen: Arbeitssicherheit ist ein Thema…

das interessanterweise keine moderne Erfindung ist; es lässt sich mindestens bis in das frühe 15. Jahrhundert zurück verfolgen. Ausgerechnet im ersten auf deutsch verfassten technischen Manuskript, dem Feuerwerkbuch von 1430, einem Handbuch für die Bedienung dieses relativ neuen Kriegsgeräts, gibt es erstaunlich eindringliche Passage zu den Gesundheitsrisiken der Feuerwaffe.  In meinen Recherchen zu frühen Hinterladerbüchsen aus Bronze zur Vorbereitung meiner Experimente zur Fertigungstechnik, stellte sich früh die Frage, wie sicher diese und andere Bronzebüchsen wohl in ihrer Handhabung seien. Offensichtlich nicht so sicher, wie man sich das wünschte.

Das Feuerwerkbuch, Freiburger Manuskript Ms 362

Aber wie sicher, oder wie gefährlich waren sie wirlich? Einen ersten deutlichen Hinweis gibt das Kapitel 223 im Feuerwerkbuch. Es die unterstützt die moderne Vermutung, dass diese Büchsen mitunter für den Schützen genauso gefährlich, wir für den Gegner sein konnten.  Die älteste Version des Feuerwerkbuchs wurde dankenswerter Weise von Ferdinand Nibler ins Neuhochdeutsche übertragen.  Das ganze Buch ist online verfügbar. Diese sehr frühe technische Abhandlung, die in deutscher Sprache verfasst wurde, liefert unschätzbare Erkenntnisse für das Verständnis der Problematik des frühen Waffengebrauchs. Und die folgenden Anweisungen zur Arbeitssicherheit fielen mir auf. Es ist nur in zweien der vier erhaltenen Versionen des Feuerwekbuchs vorhanden. Im Freiburger Manuskript (Freiburg Ms 362 von 1432) heißt es (Nibler 2005, 85):

Das man kainer büchß si sye groß oder si sye klain trwen sol sunnder sich daruor hüten als denne dise nächgeschribne lere dich wyset.
Aber ain lere dem der vß der büchß schiessen will er sol kainer büchß nit viel trwen si sye klain oder groß si sye Ibel oder wol geladen wie die büchß ist so hüt dich nütz dester minnder dauor ouch lçg wenn si du ladest das kain ysen das annder rüre wann das puluer möchte dauon ennzündet werden.

Auf hochdeutsch (Nibler 2005, 40):

Dass man keiner Büchse, sie sei groß oder sie sei klein, trauen soll sondern sich vor ihr hüten, wie diese nachgeschriebene Anweisung weist.
Aber eine Belehrung für den, der aus der Büchse schießen will: Er soll einer Büchse auf keinen Fall vertrauen, sie sei klein oder groß, sie sei schlecht oder gut geladen. Wie die Büchse auch ist – hüte Dich nichtsdestoweniger davor! Sieh‘ auch zu, dass wenn Du sie ladest kein Eisen ein anderes Eisen berühre, denn das Pulver könnte davon entzündet werden!

 

3d Rekonstruction einer frühen Hinterladerbüchse.

3d Rekonstruction einer frühen Hinterladerbüchse.

 

Bellifortis, BSB Hss Clm 30150

Die zweite Version des Feuerwerkbuchs ist im Bellifortis von Korad Kyeser erhalten geblieben. Ich habe es hier aufgenommen, da es eines das Kapitel zur Arbeitssicherheit eines der wenigen Kapitel ist, die vom oben erwähnten Original abweichen.

Das ma je kainer büchs tzündn ssol wie sy ist Aber ain lere dem der uß der büchsn schießßn wil Er sol si kainer büchs nicht zu getruwe si sye klain oder groß sy sy beschossn oder nit sy si übel oder wolgeladn wie die buchs iist so hut dich nichtzt deß mind dauor Ouch lüg wen Du sy ladest das kain ysen das ander rür wan das puluer möcht villicht dauo entzund werdn.

Neuhochdeutsch:

Daß man bloß keine Büchse zünden soll wie sie ist Aber eine Lehre dem der aus der Büchse schießen will. Er soll keiner Büchse trauen, sei sie klein oder groß. Sei sie beschossen oder nicht, sei sie schlecht oder gut geladen. Wie die Büchse ist, so hüte dich nichtsdestoweniger davor. Auch sieh zu, wenn Du sie lädst, dass kein Eisen ein anderes (Eisen) , denn das Pluver möchte vielleicht davon entzündet werden.

Interessanterweise ist diese Warnung  in der gedruckten Version des Feuerwerkbuchs von 1529 nicht mehr enthalten. Ob dies auf höhere Fertigungsstandards zurückzuführen ist, die zu sichereren Handhaben geführt haben, oder auf ganz andere Umstände, muss vorerst offen bleiben.

Literatur


Nov 14 2017

Buntmetallblech

Bastian Asmus
Buntmetallblech: Rottombak, Stärke 0,35 mm

Buntmetallblech: Historische Rottombaklegierung nach Kundenspezifikation legiert und gewalzt

Buntmetallblech

Wer kennt das nicht, man möchte einen Gegenstand aus Buntmetallblech einer bestimmten Legierung herstellen, bspw. einen Helm der Urnenfelderzeit. Aber wie man es dreht und wendet, in der Industrie ist kein Blech der gewünschten Legierung zu bekommen. Unsere Industrie ist schlicht nicht daran interessiert Klein- und Kleinstunternehmen oder kulturwissenschaftliche Forschungsprojekte zu beliefern. Aber das ist nun vorbei, denn das Labor für Archäometallurgie hat sich ein mittelgroßes Walzgerüst zugelegt mit dem Bleche bis max. 500 mm Breite gewalzt werden können. Dies geschieht in einem rein handwerklichen Prozess und kommt damit den Anforderungen, die die archäometallurgische Forschung stellt sehr nahe.

BrammenGussversuch4_Zain_Unterseite_1

Das Labor für Archäometallurgie beschäftigt sich mit der Rekonstruktion vergangener Herstellungstechniken; hier geht es um das Walzen von Buntmetallblechen. Seit etwa einem Jahr arbeitet das Labor an der Herstellung von Blechen für den Blechblasinstrumentenbau, wobei historische Blechlegierungen hergestellt werden, diese zu Brammen gegossen und zu Blechen verarbeitet werden. Hierzu haben wir uns ein größeres Duowalzgerüst angeschafft, mit dem wir in handwerklicher Arbeitsweise Bleche in Sonderlegierungen herstellen können, die es kommerziell nicht mehr gibt. Insbesondere ist das neben der Herstellung für Instrumente, auch für die Herstellung der zahllosen ur- und frühgeschichtlichen Blechfunde, wie Gürtel, Situlen, Rüstungen, Helmen oder Schilden interessant. Umso mehr als wir nun für die Rekonstruktion derartiger Gegenstände nun nicht mehr auf die geringe Auswahl an ohnehin schwierig zu beschaffender Bronzebleche gebunden sind.

Der Film vermittelt einen Eindruck von den Versuchen zur Herstellung er Bleche, denn nicht eine Buntmetalllegierung gleicht der anderen. Einige lassen sich sehr gut gießen und nur mit viel Aufwand zu Blechen verarbeiten, andere wiederum können nur heiß gewalzt werden, wieder andere möchten vorher mit dem Hammer bearbeitet werden. Vor dem Walzen wird die gewünschte Legierung hergestellt und danach in Brammen gegossen. Die Brammen werden wärmebehandelt und im Walzgerüst auf die gewünschte Stärke gewalzt.

 


Okt 25 2017

Kurzdoku – Lieblingswerkzeug der Zapfenmacher?

Bastian Asmus


Eine Konusreibahle für den Zapfenmacher

Die Zapfenmacher gehörten zu den Rotschmieden. Hier geht es um die recht einfache Frage, wie das konische Loch des Zapfhahns bearbeitet wurde. Obwohl man das natürlich komplett manuell machen kann, wie ich das in den Kurzdokus gezeigt hatte, ist es höchst unwahrscheinlich, dass dies beispielsweise bei den Nürnberger Rotschmieden oder Zapfenmachern auch tatsächlich so gemacht wurde. Denn das Einschleifen der Küken in den Hahn erfordert selbst bei guter Passgenauigkeit beim Guss einige Stunden. Selbstverständlich ist es nicht der zeitliche Aufwand, der mich veranlasst hat, das Einschleifen des Kükens genauer  zu untersuchen. Es sind diese Abbildungen in den Nürnberger Hausbücher der Zwölfbrüderstiftung und in Christoph Weigels Ständebuch .

Zapfenmacher Hans Zeuller

Rotschmied und Zapfenmacher Hans Zeuller

Rotschmied Hans Zeuller mit einer Konusreibahle. Quelle: Wikimedia Commons

Gut zu erkennen ist das Werkzeug mit dem Hans Zeuller die Innenseite des Zapfhahns bearbeitet. Es ist anzunehmen, dass es sich um eine Art konischer Reibahle handelt; also einem Werkzeug, Continue reading


Sep 17 2017

Film: Ein Zapfhahn aus dem 15. Jahrhundert

Bastian Asmus

Rekonstruktion: Funktionaler Zapfhahn aus dem frühen 15. Jahhundert.

Rekonstruktion: Zapfhahn des frühen 15. Jahrhunderts. Fundort ist Zürich, Schweiz.

Vor längerem habe ich einen Zapfhahn für einen Re-enactment Brauer hergestellt. Ich konnte bereits Erfahrung mit der Herstellung von Zapfhahnen sammeln, als ich meine Aquamanilen machte. Deshalb entschloss ich mich dazu den Herstellungsprozess dokumentarisch zu begleiten. Mittelalterliche Zapfhahne haben oft einen stilisierten Hahn als Griff am Küken.  Ab dem ausgehenden Mittelalter stellte der Zapfenmacher die Zapfhahne oder Zapfen her. Eines der Zentren war Nürnberg. Aus den Mendel’schen und Landauer’schen Hausbüchern der Zwölfbrüderstiftungen kennen wir zahlreiche Abbildungen dieser Objekte und ihrer Herstellung.  Interessant ist, dass der Prozessschritt zur Herstellung der Zapfhahne immer nur die Nacharbeit, nie aber das Formen zeigt. Immerhin gibt die Abbildung des Rotschmieds von Jost Amann in Hans Sachs Eygentlicher Beschreibung aller Stände auf Erden  einen Hinweis auf den Formstoff.

Im Hintergrund sind Lehmklumpen zu erkennen, die als Rohstoff für das Formmaterial gedient haben dürften. Noch einmal etwas später. im 17. Jahrhundert stellt Christoph Weigel den Zapfenmacher dar . Hier hatte sich also innerhalb eines Jahrhunderts eine starke Spezialisierung entwickelt.

Kurz-Doku: Zapfhahn, Geschichte und Herstellung

In den Filmen geht es nicht um ein strenges archäologisches Experiment. Vielmehr geht es darum einige Hypothesen zur Herstellungstechnik zu überprüfen. In erster Linie waren dies:

  1. Kann man ein genau passendes Wachsmodell Zapfhahn und Küken herstellen
  2. kann man dieses so gießen, dass wenig Nacharbeit anfällt,
  3. lässt sich das Einschleifen des Kükens in den Zapfhahn manuell meistern?

Viel Spaß beim Schauen. Wie immer freue ich mich über Kritik, Fragen oder Anregungen

 

Im ersten Teil geht es um die Geschichte des Zapfhahns, sowie die Herstellung des Wachsmodells.


 

Im zweiten Teil geht es um das Einformen des Wachsmodells, das Gießen des Zapfhahns und das erste Putzen nach dem Guss.

Im dritten Teil geht es darum den gegossenen Zapfhahn fertig zu stellen. Das heißt es muss geschruppt, gefeilt, gebohrt und geschliffen werden. Besonders spannend war das Einschleifen des Kükens in das Nest des Hahns. Tatsächlich lassen sich mit einfachsten Mitteln absolut dichte Zapfhahne herstellen.

Literatur


Apr 7 2016

Glockengießerei nach Theophilus Presbyter

Bastian Asmus

Glockengießerei nach Theophilus Presbyter. Photo: Oliver Bonstein

Guss der Glockenspeise während des Gusses einer Bienenkorbglocke. Photo: © Oliver Bonstein 2015.

Im neuesten Anschnitt ist soeben ein Artikel zur experimentellen Glockengießerei nach Theophilus Presbyters Glockengusskapitel erschienen .

Der Artikel behandelt neben der Beschreibung des archäometallurgischen Versuchs auch die archäologischen und historischen Quellen zur Glockengießerei. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Rekonstruktion des Formstoffs, sowie der Rekonstruktion eines von Theophilus Presbyters beschriebenen Schmelzofen, der nach dem Kaminprinzip arbeitet. Überlegungen und Berechnungen zum Energiebedarf runden den Artikel ab. Es konnte z.B. gezeigt werden, dass mit Theophilus‘ Ofen eine Metallmenge von 44 kg Glockenspeise (CuSn20) mit nur 36 kg Holzkohle schmelzen ließ.

Abstract

article-iconDer Autor Theophilus Presbyter hat uns ein sehr umfangreiches Manuskript hinterlassen in welchen er den Stand der Technik des 12. Jahrhunderts dokumentiert. Er behandelt darin Malerei, Glasherstellung, Goldschmiedekunst, Schmieden, Orgelbau und die Gießerei. Außerdem wird beschrieben, welche Werkzeuge notwendig und wie diese herzustellen sind.

Ein Kapitel ist dem Glockenguss gewidmet. Es ist das umfangreichste in Theophilus‘ Schedula und beschreibt den Prozess sehr detailliert. Dieser Artikel beschreibt einen Versuch zum Glockenguss, der sich an die Vorschriften aus Theophilus Presbyters gleichnamigen Kapitel hält und dabei die archäologischen Funde und Befunde zum frühen Glockenguss berücksichtigt.

Literatur