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Neuer Artikel zu sehr altem Stahl in Iberien

Bastian Asmus

Untersucht wurde die Arbeitskante eines Meißels aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. aus Südwestiberien. In einer ersten Studie hatten wir das Eisen des Meißels bereits als Renneisen charakterisiert und den Kohlenstoffgehalt bestimmt, der sich an gehärtetem Material nur eingeschränkt zuverlässig erfassen lässt (Araque Gonzalez at al 2023). Die Schneide durfte in dieser ersten Untersuchung nicht beprobt werden, da zunächst die Ergebnisse dieser Analyse abgewartet werden sollten. Aufgrund des ermittelten Kohlenstoffgehalts von etwa 0,5 % C und der frühen Datierung des Fundes in das 9. Jahrhundert v. Chr. konnten wir später auch die Schneide untersuchen und gezielt prüfen, ob und inwieweit sie thermisch gehärtet worden war (Asmus et al 2026).

Sekundärelektronenaufnahme der Meißelspitze nahe der Schneide, die überwiegend sehr feinen Perlit zeigt, mit Anteilen von oberen Bainit zwischen den federartigen Kolonien des feinen Perlits. Aufnahme: Asmus.

Die neuen metallographischen Daten zeigen in der Schneide ein homogenes, sehr feines perlitisches bis perlitisch-bainitisches Gefüge mit nur geringen Ferritanteilen und ohne Martensit. Das weist auf eine beschleunigte Abkühlung hin, jedoch nicht auf ein vollständiges Abschrecken im modernen Sinn. Die Vickers-Mikrohärtemessungen zeigen einen moderaten mechanischen Gradient zwischen Schaft und Schneide. Dieser Befund ist konsistent mit einer gezielten thermischen Kontrolle während des Schmiedens, ohne dass eine Maximierung der Härte angestrebt wurde.

Ein zentraler Aspekt der Studie ist die Legierungschemie. Das untersuchte Renneisen ist manganarm, wie es für frühgeschichtliche Eisen typisch ist. Damit unterscheidet sich seine Härtbarkeit deutlich von der moderner Stähle, auf denen viele metallurgische Referenzdaten beruhen. Die Ergebnisse zeigen, dass solche Referenzsysteme für die Interpretation früher Eisenartefakte nur eingeschränkt geeignet sind und dass für niedrig legierte Eisen bislang belastbare Umwandlungsdaten fehlen.

Die am Fundplatz nachgewiesenen Schlacken belegen zudem eine lokale primäre Eisenproduktion. Der Meißel ist somit Teil einer regionalen metallurgischen Praxis und kein importiertes Spezialprodukt. Zusammengenommen sprechen die Befunde dafür, dass hier etablierte bronzezeitliche thermische Arbeitsweisen bewusst auf das neue Material Eisen übertragen wurden. Die frühe Eisenmetallurgie erscheint in diesem Fall weniger als technologische Zäsur, sondern als Weiterentwicklung vorhandener handwerklicher Kompetenzen unter veränderten materiellen Bedingungen.

https://doi.org/10.1016/j.jmrt.2026.01.091

Literatur

Araque Gonzalez, Ralph, Bastian Asmus, Pedro Baptista, Rui Mataloto, Pablo Paniego Díaz, Vera Rammelkammer, Alexander Richter, Giuseppe Vintrici, and Rafael Ferreiro Mählmann. ‘Stone-Working and the Earliest Steel in Iberia: Scientific Analyses and Experimental Replications of Final Bronze Age Stelae and Tools’. Journal of Archaeological Science 152 (April 2023): 105742. doi:10.1016/j.jas.2023.105742.
 
Asmus, Bastian, Ralph Araque Gonzalez, Rui Mataloto, Marc Gener-Moret, Pablo Paniego-Díaz, and Pedro Baptista. ‘Negotiating between Iron and Bronze Traditions: The Impact of a Tool – The Chisel from Rocha Do Vigio’. Journal of Materials Research and Technology 41 (1 March 2026): 1615–29. doi:10.1016/j.jmrt.2026.01.091.

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