Jul 3 2018

Eine romanische Bienenkorbglocke für die Bartholomäuskapelle

Bastian Asmus


Besuch bei Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck.

Eine romanische Bienenkorbglocke für die Bartholomäuskapelle soll es werden. Was für eine großartige Entwicklung aus der experimentellen Archäologie heraus! Nachdem ich seit 2015 an der Rekonstruktion der von Theophilus Presbyter beschriebenen Glockengusstechnik gearbeitet habe , und die dieses Jahr endlich zu der lange ersehnten Glocke für den Campus Galli geführt hat, geht es nun noch einen großen Schritt weiter: Denn nicht nur möchte das Metropolitankapitel Paderborn, im Rahmen der 950 Jahrfeier des Imad Domes zeigen, wie eine Bienenkorbglocke um das Jahr 1000 gegossen wurde. Nein, diese Glocke ist für die romanische Bartholomäuskapelle, die 2017 ihr 1000 jähriges Bestehen feierte.

Bartholomäuskapelle, der Dachreiter für die romanische Kapelle ist noch leer!

Die Paderborner Bartholomäuskapelle aus dem 11. Jahrhundert. Wie gut zu erkennen ist, ist der Dachreiter noch leer! Hier soll die neue romanische Glocke aufgehängt werden.

Die Bartholomäuskapelle ist nicht nur einfach eine romanische Kapelle, sie ist eine bedeutende architektonische Leistung des hohen Mittelalters, die mit ihren byzantinischen Stilelementen keine direkten Vorläufer oder Folgebauten besitzt. Diese älteste Hallenkirche Deutschlands wurde zu ottonischer Zeit als Pfalzkapelle im Zuge des Neubaus der Paderborner Pfalz errichtet.

Eine romanische Bienenkorbglocke entsteht

Die Bartholomäuskapelle bekommt eine Glocke, die zu ihrer Entstehungszeit passt. Als Vorbild für die neue Glocke, fiel die Wahl auf eine romanische Bienenkorbglocke aus Nordrhein-Westphalen. Die Glocke von Hachen ist heute im Glockenmuseum der Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck zu bestaunen, welche die Glocke 1938 von der Glockengießerei Heinrich Hupert aus Brilon erwarben. Die Gebrüder Grassmayr erlaubten es mir die Glocke genau zu vermessen, so dass eine Neuschöpfung dieses Glockentyps gelingen kann. Dabei geht es geht hier nicht darum eine genaue Kopie der Hachener Glocke zu fertigen. Vielmehr ist sie als Vorbild zu sehen, um eine „neue romanische“ Glocke zu gießen. Die Technologie des Glockengusses ist dieselbe, wie die zur Herstellung der Canino-Glocke von mir rekonstruiert und experimentell durchgeführt wurde; also das Wachsausschmelzverfahren, wie es bei Theophilus Presbyter beschrieben wurde .

Bell of Hachen

Glocke von Hachen, heute im Glockenmuseum Grassmayr in Innsbruck. Im Vergleich zu der frühen Canino Glocke, besitzt diese Glocke hier bereits eine ausgeprägte Flanke und Schulter.

 

Um das Jahr 1017 man schon mindestens zwei Jahrhunderte Erfahrungen im kirchlichen Glockenguss. Neben der Wandstärke der Rippe, hat sich auch die Bienenkorbform von einer eiförmigen zu einer Form entwickelt, die bereits ausgeprägte Flanken und Schulter besaß. Selbst die Klanglöcher sind oft nur noch als typologisches Rudiment vorhanden. Neben den gusstechnischen Fragen treten nun insbesondere Fragen, welche die konzeptuelle Seite der Glockenentwicklung betreffen:

  • lassen sich die verschiedenen Maße der Glocke in ein bestimmtes Verhältnis setzen?
  • wie wurde im Mittelalter eine Glocke konzipiert?
  • welche Möglichkeiten der Vermessung gab es?
  • wie genau lässt sich der Klang vorhersagen?

Hierzu wurden alle Rippen zeitgleicher Glocken studiert und verglichen. Drescher hat hier bereits sehr wertvolle Arbeit geleistet , auf die zurück gegriffen werden kann.

Exkurs: Die Fingerabdrücke des Hachener Glockengießers

Während der Untersuchung der Hachener Glocke konnte ich die Fingerabdrücke meines von 1000 Jahre lebenden Kollegen in der Glocke entdecken. Das ist auch für einen Archäologen ein äußerst beeindruckender Moment gewesen.

fingerabdrücke

1000 Jahre alte Fingerabdrücke meines „Kollegen“ im Henkel der Hachener Glocke! Breite des abgebildeten Henkels: 33mm.

In der Romanik noch immer ohne Schablone

Wie kann man sich den Herstellungsprozess vorstellen? Hat ein geistlicher eine andere Glocke gesehen und den Wunsch entwickelt, ebenfalls eine Glocke zu besitzen. Wurde dann der Wunsch geäußert: „Ich hätte gerne eine Glocke wie die aus Mainz?“ oder war es doch ganz anders?  Diese Fragen werde ich wohl so schnell nicht beantworten können. Aber, da Theophilus noch einmal hundert Jahre später noch immer nicht von der Schablone spricht, müssen wir davon ausgehen dass die Rippen der Glocken auf eine andere Art und Weise hergestellt wurde. Ein direkter Vergleich verschiedener Rippen war somit nicht möglich, und erkläre deshalb auch warum sich die Klangfindung der frühen Glocken zunächst wohl auf den Zufall stützen musste. Denn es dürfte klar sein, dass erst die Dokumentation der Glockenrippe zu kontrollierten Versuchen zum Einfluss der Rippe auf den Klang geführt haben dürften.

Die Bienenkorbglocke von St. Georg, Lutter am Barenberge aus dem 12. Jahrhundert. Auch Ribernus Glocke genannt, besitzt eine ähnlich Form wie die Glocke aus Hachen. Quelle: Sebastian Wamsiedler http://www.glockenberatung.de.

Mit der Herstellung der romanischen Glocke für Paderborn stellt sich für mich gewissermaßen ein ähnliches Problem. Ich habe einen Auftraggeber, der eine Glocke kennt, die er gerne möchte. Ich kann mir die Glocke ansehen, und vermessen, kann aber das Schablonierverfahren nicht nutzen um die Rippe zu übertragen, da dieses im 11. Jahrhundert nicht bekannt war. Also kann ich die mit dem Greifzirkel erfassten Abmessungen mit dem Greifzirkel übertragen. Hierbei ergeben sich zwangsläufig Ungenauigkeiten, die, so vermute ich aber kein Problem darstellten. Dennoch fragt man sich bei der Arbeit, ob den Maßen nicht eine Art Faustregel zu Grunde liegt. Drescher spricht hier vom Grundmaß, welches er als den Durchmesser der Glocke am Schlagring definiert.

Die Hachener Glocke besitzt ein Verhältnis der Höhe zum Schlagring von 5:4, sowie ein Verhältnis des Durchmesser an der Schulter zur Gesamthöhe der Glocke 1:2, sowie ein Verhältnis von etwa 1:1 Schlagringdurchmesser zur Höhe des Klangkörpers. Weitere eindeutige Verhältnisse konnten bisher jedoch nicht festgestellt werden, insbesondere zur Schweifung der Glockenflanke.

Dokumentation

Das Projekt wird als Videolog dokumentiert und in mehreren Kurzfilmen festgehalten. Bisher sind die ersten vier Arbeitstage von statten gegangen, die allerdings nicht mit den Prozesstagen gleichzusetzen sind, da der relativ massive Gusskern mehrere Tage zum Trocknen benötigt. Bisher dauert der Prozess seit dem 23.6.2018 an, damit sind bis zum Schreiben (3.7.2018) dieses Artikels bereits elf Prozesstage vergangen.

Tag 1 und 2 Romanische Bienenkorbglocke

Tag 3 und 4 Romanische Bienenkorbglocke

Tag 5 und 6 Romanische Bienenkorbglocke

Tag 7 bis 10 Romanische Bienenkorbglocke

 

Literatur

 


Jan 20 2018

Hinterladerbüchse – Teil 1 – virtuelle Rekonstruktion

Bastian Asmus

In dieser Artikelserie werde ich versuchen herauszufinden, wie man eine ganz bestimmte Hinterladerbüchse im speziellen und frühe Buntmetallfeuerwaffen im Allgemeinen herstellt, bzw. wie man sie mit der damaligen Technologie herstellen hätte können. Ich bin nicht all zu sehr am Schießen interessiert, aber umso mehr fasziniert vom frühen Büchsenguss des 14. und 15., und auch noch ein wenig vom Büchsenguss des 16. Jahrhundert.
Warum? Als ausgebildeter Bronzegießer weiß ich, dass es viele Herausforderungen und noch mehr Raum für Misserfolge gibt.  Gerade weil sich in der Technologie, speziell der Schmelzöfen, so enorm viel entwickelt hat ist dies eine besonders spannender Abschnitt der Technikgeschichte. Als professioneller Hersteller von Dingen gehören Misserfolge zu den am wenigsten beliebten Themen, über die man reden möchte. Doch auch als Wissenschaftler hilft es, diese Notlage zu überwinden: Ohne Scheitern kann es keinen Fortschritt geben. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten uns nicht mit unseren Hypothesen begnügen, sondern ständig versuchen, diese zu widerlegen!

Early breech loaded handgonne.

Dieses Bild einer angeblich aus dem 15. Jahrhundert stammenden Büchse zeigt ein sehr frühes Ladesystem, das sich über Jahrhunderte hinweg nicht durchgesetzt hat. Technische Einschränkungen im Herstellungsprozess könnten dafür verantwortlich sein. Es konnte einfach nicht so problemlos hergestellt werden wie die weit verbreiteten Vorderlader. Quelle: Viking Swords Forum Thread 7364.

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Okt 25 2017

Kurzdoku – Lieblingswerkzeug der Zapfenmacher?

Bastian Asmus


Eine Konusreibahle für den Zapfenmacher

Die Zapfenmacher gehörten zu den Rotschmieden. Hier geht es um die recht einfache Frage, wie das konische Loch des Zapfhahns bearbeitet wurde. Obwohl man das natürlich komplett manuell machen kann, wie ich das in den Kurzdokus gezeigt hatte, ist es höchst unwahrscheinlich, dass dies beispielsweise bei den Nürnberger Rotschmieden oder Zapfenmachern auch tatsächlich so gemacht wurde. Denn das Einschleifen der Küken in den Hahn erfordert selbst bei guter Passgenauigkeit beim Guss einige Stunden. Selbstverständlich ist es nicht der zeitliche Aufwand, der mich veranlasst hat, das Einschleifen des Kükens genauer  zu untersuchen. Es sind diese Abbildungen in den Nürnberger Hausbücher der Zwölfbrüderstiftung und in Christoph Weigels Ständebuch .

Zapfenmacher Hans Zeuller

Rotschmied und Zapfenmacher Hans Zeuller

Rotschmied Hans Zeuller mit einer Konusreibahle. Quelle: Wikimedia Commons

Gut zu erkennen ist das Werkzeug mit dem Hans Zeuller die Innenseite des Zapfhahns bearbeitet. Es ist anzunehmen, dass es sich um eine Art konischer Reibahle handelt; also einem Werkzeug, Continue reading


Sep 17 2017

Film: Ein Zapfhahn aus dem 15. Jahrhundert

Bastian Asmus

Rekonstruktion: Funktionaler Zapfhahn aus dem frühen 15. Jahhundert.

Rekonstruktion: Zapfhahn des frühen 15. Jahrhunderts. Fundort ist Zürich, Schweiz.

Vor längerem habe ich einen Zapfhahn für einen Re-enactment Brauer hergestellt. Ich konnte bereits Erfahrung mit der Herstellung von Zapfhahnen sammeln, als ich meine Aquamanilen machte. Deshalb entschloss ich mich dazu den Herstellungsprozess dokumentarisch zu begleiten. Mittelalterliche Zapfhahne haben oft einen stilisierten Hahn als Griff am Küken.  Ab dem ausgehenden Mittelalter stellte der Zapfenmacher die Zapfhahne oder Zapfen her. Eines der Zentren war Nürnberg. Aus den Mendel’schen und Landauer’schen Hausbüchern der Zwölfbrüderstiftungen kennen wir zahlreiche Abbildungen dieser Objekte und ihrer Herstellung.  Interessant ist, dass der Prozessschritt zur Herstellung der Zapfhahne immer nur die Nacharbeit, nie aber das Formen zeigt. Immerhin gibt die Abbildung des Rotschmieds von Jost Amann in Hans Sachs Eygentlicher Beschreibung aller Stände auf Erden  einen Hinweis auf den Formstoff.

Im Hintergrund sind Lehmklumpen zu erkennen, die als Rohstoff für das Formmaterial gedient haben dürften. Noch einmal etwas später. im 17. Jahrhundert stellt Christoph Weigel den Zapfenmacher dar . Hier hatte sich also innerhalb eines Jahrhunderts eine starke Spezialisierung entwickelt.

Kurz-Doku: Zapfhahn, Geschichte und Herstellung

In den Filmen geht es nicht um ein strenges archäologisches Experiment. Vielmehr geht es darum einige Hypothesen zur Herstellungstechnik zu überprüfen. In erster Linie waren dies:

  1. Kann man ein genau passendes Wachsmodell Zapfhahn und Küken herstellen
  2. kann man dieses so gießen, dass wenig Nacharbeit anfällt,
  3. lässt sich das Einschleifen des Kükens in den Zapfhahn manuell meistern?

Viel Spaß beim Schauen. Wie immer freue ich mich über Kritik, Fragen oder Anregungen

 

Im ersten Teil geht es um die Geschichte des Zapfhahns, sowie die Herstellung des Wachsmodells.


 

Im zweiten Teil geht es um das Einformen des Wachsmodells, das Gießen des Zapfhahns und das erste Putzen nach dem Guss.

Im dritten Teil geht es darum den gegossenen Zapfhahn fertig zu stellen. Das heißt es muss geschruppt, gefeilt, gebohrt und geschliffen werden. Besonders spannend war das Einschleifen des Kükens in das Nest des Hahns. Tatsächlich lassen sich mit einfachsten Mitteln absolut dichte Zapfhahne herstellen.

Literatur


Mai 22 2015

Aristoteles und Phyllis Aquamanile

Bastian Asmus
Aristoteles und Phyllis, Aristotle and Phyllis, Lai d'aristote

Aristoteles und Phyllis Aquamanile, 2015 von Bastian Asmus nach einem niederländischem Original aus dem 15. Jahrhundert.

Aristoteles und Phyllis Maltererteppich

Aristoteles und Phyllis in einem Ausschnitt aus dem Maltererteppich. heute im Augustinermuseum Freiburg. Quelle: Wikimedia Commons.

Das mittelhochdeutsche Märe um Aristoteles und Phyllis entstand wohl im 13. Jahrhundert am Oberrhein zwischen Basel und Strassburg. Dieses Märe war ein beliebtes Motiv und findet sich nicht nur in plastischen Werken, sondern auch in Teppichen und Zeichnungen. König Philipp von Mazedonien lässt seinen Sohn Alexander, später der Große genannt, von Aristoteles erziehen. Der junge Alexander, unsterblich in die schöne Phyllis verliebt, wird von seinem Lehrmeister für seine geistige Abwesenheit gescholten und vor den Gefahren der Liebe gewarnt. Aristoteles erreicht die Trennung der Liebenden durch Intervention beim König. Auf Rache sinnend verführt Phyllis Aristoteles und verlangt als Preis für ihre Liebe, dass sie auf seinem Rücken im Garten umher reiten dürfe. Hierbei wird Aristoteles von der Königin entdeckt und fällt der Schmach und Schande anheim, da er seinen eigenem Ansprüchen nicht genügen kann. Er wird verbannt und sinnt daraufhin über die Schlechtigkeit der Welt nach.

aristoteles und Phyllism Hausbuchmeister

Aristoteles und Phyllis. Hausbuchmeister 15. Jahrhundert. Quelle: Wikimedia Commons.

Zur Herstellungstechnik des Aquamanilen: Dieses Aquamanile wurde aus Bronze im Wachsausschmelzverfahren gegossen. Dazu wurde ein Modell aus Bienenwachs modelliert. Das hier abgebildete Aquamanile ist eine Nachschöpfung und steht heute im Europäischen Hansemuseum in Lübeck.


Mai 22 2015

Ritter Aquamanile

Bastian Asmus

Ritter Aquamanile

Neben den Löwen und Greifen Aquamanile gab es weitere Formen von Aquamanilen. Eine große Gruppe bildeten die Reiter oder Ritter Aquamanilen . Einer dieser Ritter Aquamanilen entstand Anfang 2015 neu in meiner Werkstatt und das originale Stück aus dem 13. Jahrhundert  stellt eine beeindruckende Leistung der mittelalterliche Gießkunst dar. Zur aufwendigen Gestaltung, die ein Ritter auf einem Pferd darstellt, kommen noch die völlig freistehenden Arme und Beine, sowie die Steigbügelhalter hinzu! Besondere Beachtung verdient aber das Zaumzeug, das teils unter 2mm Materialstärke aufweist.

Wie auch das Greifen Aquamanile kann es im neu gegründeten Europäischen Hansemuseum betrachtet werden.

Ritter Aquamanile

Das Aquamanile entstand Anfang 2015 in der Werkstatt von Bastian Asmus. Es wurde aus Bienenwachs modelliert und im Wachsausschmelzverfahren aus Bronze gegossen. Es ist eine originalgetreue Neuschöpfung eines Ritter Aquamaniles aus dem 13. Jahrhundert.

 Literatur